Augenschein vor Ort

Nina Müller im Austausch mit Begünstigten (Bild: Stiftung Presencia)

APARTADÓ: EINE ANDERE WELT

Seit Anfang 2025 ist die Stiftung Presencia auch in Apartadó mit einem Projekt engagiert – das erste Mal ausserhalb des städtischen Milieus. Geschäftsführerin Nina Müller reiste hin, um mehr über die Menschen und ihre Sorgen und Nöte zu erfahren.

Was war dein erster Eindruck von der Kleinstadt Apartadó?

Feucht und heiss! Die meisten Strassen sind ungeteert. Wenn es regnet – und es regnet häufig –, kommt man nur schwer vorwärts. Ausserhalb der Stadt ist die Infrastruktur noch rudimentärer. Viele Haushalte haben nur beschränkt Zugang zu fliessendem Wasser und Strom. Wie andere Randregionen in Kolumbien erhält auch Apartadó vom Staat wenig Geld.

Wie geht es den Begünstigten?

Die Familien, die ich besucht habe, leben in einfachen Behausungen mit vielen Menschen auf engstem Raum. Häufig sind es sehr junge, alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern von unterschiedlichen Männern. Diese Frauen haben keine Ausbildung und verrichten schlecht bezahlte Arbeiten. Care- und Haushaltsarbeiten werden von den älteren Kindern geleistet. Weil die Mittel nicht reichen, werden Kinder aus der Not heraus anderswo untergebracht. Ich habe keine Familie kennen gelernt, wo alle Kinder zuhause wohnen. 

Was ist der Unterschied zwischen dem Engagement von Presencia in der Region von Apartadó und in Medellín?

Im Gegensatz zur Grossstadt studieren die jungen Menschen in Apartadó hauptsächlich online. Etliche hatten bisher gar keinen Internetzugang. Präsenzunterricht wäre gar nicht möglich, da die Menschen so weit verstreut wohnen und der Transport teuer ist. Da werden wir den Studierenden vermehrt unter die Arme greifen müssen, denn die finanzielle Belastung für sie und ihre Familien ist zu gross. Wie wir helfen, ist noch in Abklärung. 

Nina Müller im Gespräch mit Begünstigten und Betreuungspersonen (Bild: Stiftung Presencia)

Was hat dich vor Ort überrascht?

Die lange Anreise, die Studierende auf sich nehmen müssen! Ich habe junge Mädchen getroffen, die für einen Tag an der Universität zwei Tage unterwegs sind – noch länger, wenn es regnet. Die Studierenden müssen deshalb ein- bis zweimal pro Woche in der Stadt übernachten. Dann versuchen sie, bei Verwandten oder Freunden unterzukommen. Das führt häufig zu Konflikten. Die Studierenden müssen etwas zum Haushalt beisteuern können, zum Beispiel Lebensmittel, sonst bleiben ihnen die Türen verschlossen. Das ist mit viel Unsicherheit und einem enormen Druck verbunden.

Was hat dich besonders gefreut?

Die Menschen in Apartadó haben mich sehr berührt, ihre Herzlichkeit und ihre Einfachheit. Die meisten dieser Menschen sind noch nie weit gereist und haben deshalb auch keine Vorstellung von anderen Lebenswelten. Sie konnten kaum glauben, dass es in der Schweiz schneit und so kalt ist, dass die Temperatur manchmal nicht über null Grad steigt.

Wie sind die Reaktionen auf das Engagement der Stiftung Presencia?

Die Studierenden schätzen die Unterstützung sehr. Nicht nur die finanzielle Unterstützung, auch die Betreuung und Begleitung durch die Betreuerin. Die jungen Menschen sind mit ihren Problemen oft allein, ihre Eltern sind zu sehr damit beschäftigt für den Unterhalt der Familie aufzukommen. Die Betreuerin hingegen hört zu und hilft, Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Was ist dein Fazit nach diesem Besuch?

Nach meiner Reise stand fest, dass wir unsere Unterstützung in Apartadó ausbauen. Zum einen wollen wir 20 weitere Studierende betreuen, so dass wir 2026 insgesamt eine Gruppe von 55 Studierenden haben. Zum anderen wollen wir auch jüngere Begünstigte in Apartadó ins Projekt aufnehmen: 40 Kinder und Jugendliche aus dem Armenviertel. Diesen jungen Menschen wollen wir zum Schulabschluss und zu einer Ausbildung verhelfen. Wir sind überzeugt, dass wir in Apartadó mit unserer Erfahrung viel bewirken können und junge Menschen helfen, den Weg aus dem Teufelskreis von fehlender Schulbildung, Armut und Perspektivenlosigkeit zu finden.

Besuch einer ländlichen Schule – selbst die Universitäten haben nur knappe Ressourcen und müssen sich in Schulen und Einkaufszentren einmieten. (Bild: Stiftung Presencia)

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