Auf umgebauten BMX-Velos mit bis zu 80 km/h kurvige Bergstrassen hinunterzurasen, ist hochriskant. Genau das betreiben kolumbianische Jugendliche aus den Armenvierteln als Sportart.
Wer in Medellín und anderen Andenstädten unterwegs ist, begegnet ihnen schnell: Jugendlichen, die auf kleinen, tief liegenden und beschwerten Fahrrädern steile Strassen hinunterrasen. Gravity Biking nennt sich der aus den USA stammende Sport, der in Kolumbien Kultstatus erreicht hat. Die selbstgebauten oder umgebauten Bikes wirken auf den ersten Blick wie Spielzeug. Doch die Geschwindigkeiten, welche die Fahrer erreichen – die Jüngsten unter ihnen nicht älter als 12 Jahre –, sind alles andere als kindlich. Über 100 Stundenkilometer sind keine Seltenheit. Die Abfahrten verlangen Mut, Geschick und starke Nerven. Für möglichst hohe Geschwindigkeit sind nachts die Bedingungen bei weniger Verkehr am besten. Bergaufwärts hängen sich die Fahrer mit Seilen an langsam fahrende Lastwagen an und lassen sich hochziehen.
Schwieriger Alltag
Gravity Bike ist für viele Jugendliche in Medellín ein Ausdruck von Freiheit. Die Stadt liegt in einem Tal, umgeben von steilen Hängen, an denen Armenviertel wie San Antonio del Prado kleben, in denen die Stiftung Presencia tätig ist. An diesen Hängen herrschen perfekte Bedingungen für den Sport. Der Alltag in den Vierteln ist geprägt von Armut, Drogenkonsum, begrenzten Zukunftschancen und dem Druck krimineller Gruppen. Freizeitangebote sind knapp, sichere Räume rar. Gravity Biking wird für viele deshalb zu einem Ventil.
Adrenalin und Anerkennung
Die Jugendlichen kommen meist aus zerrütteten Familien. In der Gravity-Szene erleben sie Gemeinschaft, Anerkennung und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Sie reparieren ihre Bikes gemeinsam, teilen Wissen und erleben Momente, in denen der Fahrtwind die Sorgen für kurze Zeit übertönt. Doch der Sport birgt Risiken: Unfälle sind häufig, Schutzkleidung ist teuer, und sichere Trainingsstrecken fehlen. Immer wieder gibt es Tote. Deshalb ist der Sport manchenorts verboten – und wird trotzdem oder erst recht ausgeübt, denn das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gehört zum Nervenkitzel dazu.
Die Stiftung Presencia gibt Perspektiven
Junge Menschen wie diese brauchen Alternativen – Wege, die ihnen langfristige Perspektiven eröffnen. Deshalb setzt die Stiftung Presencia auf die Kombination von Bildungsförderung und enger sozialer Begleitung der Begünstigten. Eine Ausbildung schafft Chancen, stärkt Selbstvertrauen und gibt Zukunft abseits der Strassen. Denn Wege aus der Armutsfalle sind auch Wege hin zu persönlicher und finanzieller Sicherheit.
Beitrag der ARD vom 12.10.2025: Kolumbien: Gravity Biker – Rasen zum Überleben (6 Min. 12 Sek.)